Categories: Berlin Noir, Deutsch, RPG

by Franigo

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Berlin Noir

Das Heulen kam näher. Byron duckte sich in den Schatten eines Busches. In den Vorgärten von Berlin von Wölfen gerissen werden – das wäre schon eine Ironie des Schicksals!

Aber das waren keine gewöhnlichen Wölfe. Kein Tier würde es wagen, einen wie ihn zu jagen. Sein Geruch allein vertrieb sie. Hunde bellten, Katzen fauchten, Pferde scheuten, wenn er sich ihnen nur näherte. Es brach ihm das Herz; Tiere waren ihm immer lieber als Menschen gewesen.

Aber er hatte nicht die Zeit, in Erinnerungen und Bedauern zu schwelgen. Wenn er sich in ihnen verlor, würde das seinen Tod bedeuten. Seinen echten, finalen Tod, nicht den ersten, an den er sich kaum erinnerte.

“Überlebe”, hatte die Frau ihm gesagt, als er vor einigen Jahren die Augen nach seinem Tod aufschlug. Mehr nicht. Dann war sie verschwunden.

Seitdem war er ihrem Befehl gefolgt. Und er hatte nicht vor, ausgerechnet heute Nacht damit aufzuhören.

Hektisch sah er sich um. Den Verfolgern konnte er nicht einfach entkommen. Sie waren schneller, stärker als er. Gnadenloser.

Dennoch rannte er los. Stehen bleiben war keine Option. Die Schatten der Vorgärten flogen an ihm vorbei. Fenster, in denen Licht flimmerte. Und dennoch war es überall still. Das war eine andere Welt – die Welt der Sterblichen. Zu der er nicht mehr gehörte.

Ein Sprung über einen Zaun. Durch eine Hecke. Ein Sprint über eine Kreuzung. Selbst jetzt mied er das fahle Licht der Straßenlaternen. Die Nacht war seine Heimat, die Dunkelheit seine Freundin.

Wieder ein Heulen. Nah. Zu Nah. Eine Antwort, direkt vor ihm.

Fuck!

Sie hatten ihn. Ein Rudel. Es hatte ihn eingekreist. Die Finsternis in ihm knurrte, gefangen zwischen Flucht und Kampf. Beinahe überwältigte sie ihn. Doch er zwang sie nieder, drängte sie aus seinen Gedanken. Kein guter Zeitpunkt, um sich an das Tier zu verlieren.

Stattdessen zwang er sich zum Innehalten. Alles in ihm schrie, er solle rennen. Doch er blieb stehen. Sah sich um. Fucking Berliner Vororte, Oasen der Spießigkeit. Sein Jagdgebiet. Jetzt vielleicht sein Grab.

Nein!

Geparkte Autos. Jägerzäune. Garagen. Gullideckel. Haustüren, die von einem vergeblichen Streben nach Individualismus zeugten. Sein Blick wanderte zurück. Gullideckel. Vielleicht verloren sie dort unten seine Fährte.

Er sprang vor, packte den Deckel. In seiner Furcht pumpte sein stilles Herz Blut in die kalten Muskeln, und er riss ihn einfach empor. Die Schatten darunter hatten keine Geheimnisse vor ihm. Die Mysterien seines Blutes enthüllten sie, ließen seine Blicke die Dunkelheit durchdringen. Der Gestank war schier unerträglich, doch Atem war etwas für Sterbliche.

Die warme Luft umfing ihn, als er hinab in die Tiefen sprang.

Sobald seine leichten Wanderstiefel in den Matsch klatschten, lief er los. Hier unten kannte er sich nicht aus. Das war die Welt anderer Clans. Ein Weg war so gut wie der andere. Einige Nächte hatte er in den Rohren und Tunneln verbracht, um der hasserfüllten Sonne zu entgehen, war aber nie tiefer vorgedrungen.

Seine schnellen Schritte hallten im schmalen Gang. Sie klangen laut in seinen Ohren. Konnten die Verfolger sie hören? Waren sie ihm so dicht auf den Fersen? Er wagte nicht, sich umzusehen. Er wusste, dass er stehen bleiben sollte, um zu horchen, aber die urtümliche Angst in ihm trieb ihn vorwärts.

Schneller und schneller. Mehr und mehr strengte er sich an, spürte, wie er unwillkürlich kostbares Blut in seinen Leib pumpte, wie der Hunger stärker wurde. Aus einem fernen Nagen wurde ein gewaltiges Verlangen.

Heulen hinter ihm. Echos, als wären sie überall.

Noch einmal lief er schneller. So schnell wie nie zuvor. Doch etwas in ihm wusste, dass es nicht genug war. Ein Urwissen, eine Erinnerung an Zeiten, als alles Leben Beute dieser Jäger war. Obwohl sein Körper nicht mehr den Gesetzen der Sterblichen unterworfen war, drang ihm dieses Heulen durch Mark und Bein.

Er flog schier dahin, beinahe auf allen Vieren. Der glitschige Boden, die feuchten Wände, er kannte keinen Ekel mehr. Nur noch grausame, alles beherrschende Angst.

Eine Bewegung zu seiner Rechten. Er wirbelte herum, erwartete, eine riesige, furchtbare Gestalt zu sehen. Doch da war nichts …

Dann traf ihn der Schlag. Sein Kopf wurde zur Seite geworfen. Knochen brach. Er prallte gegen die Wand, glitt an ihr entlang, ging zu Boden.

“Du Bastard.”

Kein Wolf über ihm. Eine vermummte Gestalt. Vampir.

“Hilf mir.”

Seine Worte klangen schwach, wie das Jaulen eines Welpen. Er war ein Jäger! Aber nicht heute. In dieser Nacht war er Beute.

“Du hast die Bestien hierher geführt.” Es war ein wütendes Zischen, eine Anklage.

Vorsichtig zog Byron sich an der Wand hoch. Der Stein war unangenehm warm unter seiner kühlen Haut.

“Sie fressen uns beide”, erwiderte er. “Nicht nur mich.”

Sein Gegenüber war eine schlacksige Gestalt, gehüllt in allerlei Stoff, das Gesicht unter der Kapuze eines Hoodies, einer Sonnenbrille und einer Maske verborgen. Nosferatu.

Es war unmöglich, eine Regung zu erkennen. Byron spannte die Muskeln an, bereit, einen Angriff zu erwidern. Seine Finger krümmten sich zu Klauen, aus Fingernägeln wurden scharfe Krallen. Doch die Schultern des anderen sanken herab.

“Hier lang.”

Er führte Byron durch das Loch, aus dem er gesprungen war. Keine Kanalisation mehr. Gemauerte Wände, roter Ziegelstein.

“Sie können uns riechen”, rief Byron ihm so laut hinterher, wie er wagte. “Wir müssen …”

“Den Mund halten”, kam die kalte Antwort. “Sie können uns auch hören.”

Schweigend liefen sie weiter. Nicht schnell genug. Der Nosferatu rannte nicht einmal, sondern schritt sorgfältig durch die seltsamen Tunnel.

“Wo sind wir?”

Keine Antwort.

Also folgte er dem Unbekannten durch sein Reich. Als er ihn durch eine dicke Stahltür führte, beruhigte sich das Knurren des Tiers in seinem Herzen etwas. Die zielgerichtete Stille des Nosferatu ließ Byron hoffen, dass er einen Plan hatte.

Dies war keine Kanalisation mehr. Alte Tunnel, seltsame Kavernen, unterirdische Reservoirs voll von dunklem Wasser. Eine Welt weit jenseits des Berlins, das er kannte.

In diesem Labyrinth konnte man sich einfach verlaufen. Wären ihre Verfolger keine Wölfe, dann hätte Byron sich gar keine Sorgen mehr gemacht. Doch die würde eine Stahltür nicht lange aufhalten. Und ein Labyrinth war kein Hindernis für ihre scharfen Sinne.

Und dann tauchte der Nosferatu in einen überfluteten Tunnel ein. Und Byron verstand: Auch die feinste Nase würde hier nicht helfen. Also sprang er ohne zu zögern hinterher.

Es war stockdunkel, bis auf das schwache rote Glimmen seiner tierhaften Augen. Wie der Nosferatu sich orientierte, konnte er nicht sagen. Vielleicht hatte er Echolot wie eine Fledermaus. Byron schob den lächerlichen Gedanken zur Seite. Nach der Anspannung der Jagd stiegen ihm komische Bilder in den Kopf. Das musste die Erleichterung sein.

Auch unter Wasser blieb das Labyrinth verwirrend. Er konnte schon lange nicht mehr sagen, wo sie sich befanden. Zeit verlor jede Bedeutung in der dunklen Tiefe.

Dann schien ein dünnes Licht über ihnen. Sie schwammen darauf zu, durchbrachen die Oberfläche, und Byron fand sich in einem kleinen See unter dem Sternenhimmel wieder. Um sie herum dunkle Bäume, die sich sanft im Nachtwind neigten. Es war friedlich.

Der Nosferatu trieb in der Mitte des Sees.

“Hier solltest du sicher sein.”

Byron schwamm langsam zum Ufer. Sie mussten in irgendeinem Park sein. Vorsichtig kroch er die Böschung empor. Als er sich umdrehte, war nur noch der Kopf des Nosferatus zu sehen.

“Wie heißt du? Wem verdanke ich mein … meine Existenz?”

Die Sonnenbrille verbarg alle Emotionen.

“Menace.”

Dann tauchte er unter und verschwand so mysteriös, wie er erschienen war. Byron sank auf den feuchten Boden und gönnte sich einen Moment der Ruhe. Was für eine Nacht!

Um ihn herrschte eine friedliche Stille. Selbst die Geräusche der Stadt waren weit weg. Er konnte es noch kaum fassen, dass er einem Rudel Werwölfe entkommen war.

Ein Knurren, ganz nah. Zu früh gefreut!

Aus den Schatten zwischen den Bäumen schälte sich ein Schemen. Weit über zwei Meter groß, der muskelbepackte Leib mit dichtem, zotteligem Fell bedeckt. Doch es waren die gewaltigen Klauen, die Byrons Blick auf sich zogen.

Er sprang auf die Füße. Instinktiv kreiste das Blut in ihm, und seine Hände wurden ebenfalls zu Klauen. Doch kläglich klein vergleichen mit jenen der Bestie vor ihm.

Den Schädel zierte ein beeindruckendes Gebiss voller Reißzähne. Byron konnte seinen Geist nicht davon abhalten, sich vorzustellen, wie sie sich um seine Kehle schlossen, sein untotes Fleisch durchtrennten, ihm den Kopf von den Schultern rissen.

Das Tier in seiner Seele heulte. Flucht! Doch Flucht war unmöglich. Dann blieb nur eins.

Er sprang vor! Sein Körper verdrehte und dehnte sich, als er alle Macht seines Blutes rief. Der Werwolf schlug nach ihm. Aber er war schneller. Duckte sich darunter weg, riss mit den Krallen Furchen über die Brust.

Ein wütendes Brüllen gab ihm einen Moment des Triumphs. Dann packten ihn die Klauen, bohrten sich tief in seine Arme, kratzten über seine Knochen. Jetzt schrie er selbst vor Schmerzen auf. Er wand sich im Griff, sollte ihn sprengen, aber sein Feind war so viel stärker als er, ja sogar viel stärker als sein Blut.

Immerhin habe ich erstes Blut fließen lassen, schoss es ihm durch den Geist, als der Werwolf sein Maul aufriss. Die Fangzähne schlossen sich um seinen Kopf. Das Tier in ihm heulte und jaulte, doch all sein Wüten war vergebens.

Hier endete seine Geschichte. Seine Erzeugerin hatte ihm befohlen, zu überleben, und er hatte versagt.

Er schloss die Augen. Keinen Laut mehr. Diese Befriedigung würde er der Bestie nicht geben. Er würde wie ein Gangrel sterben.

Mit einem Mal war er schwerelos. Nein, nur der Griff hatte sich gelöst. Er fiel zu Boden, schlug schmerzhaft auf. Die Welt drehte sich um ihn, er rollte die Böschung hinab, sank halb in das kühle Wasser. Über ihm tiefes Brüllen. Eine Antwort. Das Rudel? Nein, das war … eine Herausforderung.

Mühsam wälzte er sich herum, zog sich halb aus dem Wasser.

Der Werwolf sprang vor, auf eine geduckte Gestalt zu. Er bewegte sich so schnell … doch sie war schneller! Blut spritzt durch die Nacht, klatschte auf den Boden. Der Werwolf taumelte einige Schritte. Die Gestalt sprang ihn an, krallte sich in ihm fest, riss ihn zu Boden.

Byron wagte nicht, die Augen zu schließen. Die beiden Wesen verbissen sich ineinander, knurrend, jaulend. Der Boden schien unter ihren Schritten zu beben. Sie taumelten durch den Park, krachten durch einige Setzlinge und rissen einen dürren Baum mit sich um.

Stille.

Byron wollte fliehen, aber seine Gliedmaßen gehorchten ihm nicht. Er konnte sich nicht bewegen, keinen einzigen Muskel auch nur zucken lassen, das Tier in ihm war wie erstarrt.

Dann bewegten sich die Schatten wieder, wuchsen, flossen zusammen, erhoben sich. Wandten sich ihm zu!

Hastig versuchte er, aufzuspringen, aber der rutschige Untergrund gab nach, und er glitt zurück ins Wasser.

Die Gestalt kam auf ihn zu, ragte über ihm auf. Ihre Augen leuchteten rot.

“Du hast dich gut geschlagen.”

Die Stimme. Er kannte diese Stimme. Nur ein Wort hatte sie ihm damals entgegen gespien, doch sie hatte sich für immer in seinen Geist gebrannt.

“Du … du hast mich …”

“Geschaffen? Ja. Und du hast die Prüfung bestanden. Ich werde dich die Geheimnisse der Nacht lehren.”

Ihre Eckzähne funkelten im Mondlicht. Auf ihre Art sah sie nicht weniger bedrohlich aus als der Werwolf.

Sie drehte sich um, schritt schnell davon. Byron war wie betäubt.

Sie hielt inne, sah sich nicht um. Nur eine einzige, heisere Frage: “Kommst du?”

The End - or is it?


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Death is not the end

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